Archive for July, 2006

Was wir schon immer gewußt haben…

Wenn man so durch die Wing Chun Interwelt schlurft, dann trifft man immer auf tiefschürfende Erneuerungen. Immer wieder wird man endlich mit Neuigkeiten und Insidergeheimnissen versorgt. Da ich Euch immer gegen den Strich bürsten muss und Euch gerne Dinge sage, die Ihr nicht hören wollt, werde ich mal Dinge sagen, die wir schon immer über das Wing Chun wussten. Also zunächst mal die Trainingsmethode.

Weil da gibt es immer die tollsten Innovationen. Also zum Beispiel so dieses Modifizieren. Deutschlands bekanntester Modifikator beschrieb schon zu Olims Zeiten die Trainingsmethoden der Alten. Ich will noch mal wiederholen, wie die aussah.

Nein, ich schaffe das in einem kleinen Satz: Siu Nim Tau und Fauststöße. Dann Dan Chi und Chi Sau, aber lediglich den Poon Sau Zyklus. Keine Schrittarbeit, keine Wendungen. Geht man davon aus, dass mindestens 10 Stunden die Woche trainiert wurde, dann dauerte dieses “Programm” so um die zwei, drei Monate. Dann kam die Schrittarbeit hinzu. Übungen zu den “Four Gates” (Schwingerabwehr und CoKg.) Der wichtige Angriff über die Tan-Sau-Linie. Also: Gut und kurz, wir wissen das!

Aber noch Güter und Du liebe Güte. Überall wird da was Besseres angeboten. Gleich an die Holzpuppe und dann ein wenig Doppelmesser. Hier springen wir mit dem Langstock herum und wie wäre es denn mit einem Stückchen der Biu Jee (3.Form)? Wisst ihr Buben eigentlich, wie mir das vorkommt: Wie Kinder, die im Bus auf der Heimfahrt der Schule so tun, als ob sie englisch sprechen! Wie kann man denn eine Sprache sprechen, wenn man sich beharrlich weigert die Vokabeln zu lernen?

Sicherlich erscheint es dem unkonzentrierten Menschen des 21. Jhrdts. nicht als das abwechslungsreiche Programm. Und “Um Himmelswillen! Wie kann ich mich da verteidigen?” Sicherlich – und auch ich bin da ein wenig nachgiebig – ist Spaß ein motivierender Moment. Und vor allem als Trainer muss man die Leute motivieren. Das ist sicherlich ein großes Problem.

Was mich aber wundert ist, dass Leute, die Wing Chun unterrichten nicht einmal mehr wissen, wie früher (und auch heute) Wing Chun unterrichtet werden sollte, damit es mehr ist als ein flottes Sammelsurium an Techniken, sondern ein einheitliches Ganzes also ein System ergibt. Man kann keinerlei Techniken oder Anwendungen zeigen ohne die genaue Bewegungslehre vermittelt zu haben. Es geht nichts so wirklich ohne die richtige Siu Nim Tau. Die Position und der spezifische Einsatz der Muskulatur werden am Anfang eben dort – und nur! dort – vermittelt.

Weil ich gefragt wurde …

… warum ich das Forum hier auf Wing-Chun-Online dicht gemacht habe. Ich will es kurz und knapp machen. Die Homepages hier werden von Kampfwerk e.V. bezahlt. Ich denke nicht, dass es im Interesse von den Mitgliedern ist, Geld für diese Art der “Kommunikation” die aus übler Nachrede, Beleidigungen und anonymen Unterstellungen besteht, Geld zu bezahlen. Wenn es auch nur 10 Cent seien. Auch ich persönliche habe aufgegeben zu hoffen, dass im Internet irgendwas wirklich informatives zum Thema Kampfsport käme (außer von ein paar ganz wenigen Seiten). Deshalb habe ich von meiner liberalen Forenpolitik Abstand genommen. Ich bin der Ansicht, dass das Projekt “Meinungsfreiheit” in Internetforen gänzlich gescheitert ist. Wer nicht gewillt ist, Stellungsname und Verantwortung für das was er von sich gibt, zu beziehen, sollte schlicht von sämtlichen “Meinungsäußerungen” Abstand nehmen. (Hochdeutsch: Fresse halten!) Insofern sind mir die neuen Gerichtsurteile verständlich. Behauptungen, Geblubbere, Gelalle und Ähnliches sind leider kein “schützenswertes” Gut. Wenn Meinungsfreiheit so interpretiert wird, daß persönliche Ansichten, Stellungnahmen und Positionen in einem Gewirr von Verleumdungen, Desinformation und Lügen untergehen, dann kann man eigentlich nur ein mitleidiges Bedauern ausdrücken.

Fechten und Wing Chun, wie schaut´s aus?

FechtenWer mal bei mir an einem Seminar teilnahm, der wird sich erinnern, dass ich ab einem gewissen Punkt ein paar europäische Hieb- und/oder Stichwaffen nehme, um gewisse Dinge zu erklären. Meistens erläutere ich die Ähnlichkeit von sogenannten “Idealliniensystemen” und deren Gleichzeitigkeit. Ich bezeichne das als Idealliniensystem, weil anders als bei den meisten Budosportarten übliche “wenn der Gegner das macht, dann mache ich das”, hier die Abwehr über die Besetzung von Linien praktiziert wird, die aus dem Raumverhältnis entstehen. Am mitteleren Ellbogen muß der Gegner nun mal einfach vorbei, wie etwa die Angriffslinie, die beim Fechten durch die Waffe belegt sein sollte. Also keine konditionale Abwehrbedinung, sondern das Handeln über konkrete und raumbestimmende Positionen.

Diese Linien werden in den ersten Sätzen der Siu Nim Tau – der ersten Form des Wing Chun – erläutert. Sie erläutern uns die Grundprinzipien und die grundsätzliche Funktionsweise des Wing Chun. Das zweite, daß ich mit den Waffen zeige ist die großartige Gleichzeitigkeit. Gleichzeitigkeit heißt nicht nur, daß beide Hände etwas gleichzeitig tun, sondern, daß ich mit dem Verfahren – das wir im Wing Chun “Keilprinzip” nennen – Angriff und Abwehr auf einem Arm haben. Der untere Teil des Ellbogens wehrt ab und führt unsere Faust zum Ziel. So fechten wir auch mit dem Degen. Der untere Teil der Waffe – die Stärke – leitet den gegnerischen Angriff ab, während die Spitze zu sticht. Prinzipien sind weder stilistische oder gar nationale Errungenschaften, sondern helfen uns die Dinge zu verstehen und zu systematisieren. Sie sind die Steuerung in einem Chaos, das wir Kampf nennen.